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Plattform Unser Klosterneuburg

PLATTFORM UNSER KLOSTERNEUBURG

ALS DIE TIERE DEN WALD VERLIEßEN

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... stellvertretend für die, die unsere Sprache nicht sprechen, ihren Wohnort aber direkt auf der Strecke der geplanten Umfahrung haben. Offener Brief von Anna Pollin.

Stell dir folgendes vor:

Du sitzt auf einem Zweig, der gerade so breit ist, dass du dich daran festhalten kannst. Unter dir, weit unter dir, du könntest dich vermutlich zweihundert Mal übereinander stapeln um von diesem Punkt aus deinen jetzigen Sitzplatz zu erreichen, befindet sich eine riesige blaue Fläche. Wunderschön sieht sie aus! Blaugrünes Wasser in dem der Himmel sich spiegelt und in das die Sonne glitzernde Muster malt. Rund um dich ein einziger grüner Urwald. Die Vielfalt des Grüns beeindruckt dich! Während du deinen Blick schweifen lässt erkennst du bizarre Muster in der Rinde des urigen Baumes auf dem du Platz genommen hast. Du beschließt, dass dich die Sonne genug aufgewärmt hat, um eine kleine Expedition zu wagen. Du stößt dich kräftig ab, lässt dich fallen, lässt dich von einem lauen Aufwind tragen, gleitest über das ruhig fließende Gewässer unter dir. Nicht umsonst trägst du die Bezeichnung König in deinem Namen: Königslibelle Zufrieden setzt du dich erneut auf einen Halm, wippst leicht mit deinen Flügeln und beobachtest wie sich Sonnenlicht in den mit Wasser benetzten Flügeln bricht und sie in allen Farben schillern lässt.

Wie ein blauer Pfeil schießt du blitzschnell von einer Seite des Wassers auf die andere! Du bist sehr aufgeregt! Wochenlang hast du zusammen mit deiner Frau diesen Platz ausgesucht. Eine tolle Sandböschung um ein Haus zu bauen, Äste über dem Wasser um nach Herzenslust zu fischen und genügend Platz für die ersten Flugversuche deiner Kinder! Doch heute hast du mehr als genug Grund zur Sorge! Maschinenlärm dröhnt über deine friedliche kleine Lichtung und entsetzt siehst du, wie auf der anderen Seite deines Gewässers dein Lieblingsbaum zu Boden kracht. Ängstlich flüchtest du in deine Höhle in der deine Frau schon über fünf wunderbaren Eiern brütet. Verzweifelt beschließt ihr auszuwandern und eure diesjährige Brut im Stich zu lassen! Ihr wisst nichts davon, dass ihr als Eisvögel auf der Liste der bedrohten Tierarten steht!

Du tauchst durch das Wasser. Deine Mitbewohner haben die sichelförmigen Monde, dein Erkennungszeichen schon fürchten gelernt. Aber im Moment interessiert dich keine Beute. Du genießt es einfach dich zu erfrischen! Mal gleitest du auf der Wasseroberfläche dahin mal tauchst du blitzschnell unter und erschreckst ein paar Frösche. Als dir dein Spiel langweilig wird, schwimmst du zum Ufer und ringelst dich auf einem der warmen Steine zusammen. Perfekt getarnt döst du – Halbmond - gemütlich in der Sonne. Du hasst Lärm und Trockenheit, deswegen bist du froh diesen Platz, ein stilles Gewässer fernab jeder Straße gefunden zu haben. Glücklicherweise ahnst du noch nichts von der Umfahrungsstraße die bald direkt neben und über deinem Altarm gebaut werden wird. Dann wirst du dich aufmachen und dir einen anderen Platz für dein Spiel suchen. Als Ringelnatter bist du zwar nur Fröschen, Mäusen und anderen Kleintieren gefährlich aber trotzdem nimmt man keine Rücksicht auf dich.

Rasch fressen sich deine Zähne in das helle Holz. Herum und herum und herum eilst du um den Baum bis dich ein leichtes knacksen warnt und du zur Seite springst. Ein weiterer Baustein für deine neue Burg ist bereit zum Abtransport! Aber bevor du dich an die Arbeit machen kannst erschreckt dich ein ungewohntes Geräusch. Blitzschnell setzt du dich auf deinen Schwanz und rutscht die Böschung hinunter ins Wasser. Wie gut, dass du dies sonst immer mit deinen Geschwistern gespielt hast und somit für den Ernstfall gut vorbereitet bist! Kurz sieht man noch deine Nase aus dem Wasser ragen, dann tauchst du unter um in deine Burg zu gelangen deren Eingang sicherheitshalber unter Wasser liegt. Dies schützt dich gut vor deinen gewohnten Feinden! Nur was wirst du tun, wenn du einmal keinen Altarm mehr zur Verfügung hast?

Es dämmert. Vorsichtig steckst du deinen schwarz weiß gestreiften Kopf aus deinem Bau. Du verabschiedest dich von deiner Partnerin mit der du beinahe schon zwölf Jahren deines Lebens verbracht hast und gehst auf Futtersuche. Da stutzt du. Ein komischer Busch versperrt dir den Weg zu deinem Lieblingsplatz. Seit bald zehn Jahren benutzt du diesen Weg jetzt schon. Du siehst nicht ein, warum du dies ändern solltest. Du drängst dich durch einen Spalt. Sonderbar fühlt sich der Waldboden seit neuerdings an denkst du dir und überquerst eine breite silbrig glänzende harte Strecke. Plötzlich gleißendes Licht! Du siehst nichts mehr - bist geblendet! Ein wahnsinniger Schmerz durchfährt dich als dich irgendetwas mit hoher Geschwindigkeit rammt! In Panik, stark blutend und schwerst verletzt fliehst du von der Straße. Diese drei Minuten Zeitersparnis haben sich für dich nicht gelohnt!

Anlässlich der geplanten Umfahrungsstraße, stellvertretend für die, die unsere Sprache nicht sprechen, ihren Wohnort aber direkt auf der Strecke der geplanten Umfahrung haben.

Anna Pollin

Last modified 2004-10-05 10:10 AM
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