Reaktion auf Pröll-Brief von Prof. Hermann Knoflacher

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann!
Sie
haben mit Juli 2006 an sämtliche Haushalte der Stadtgemeinde
Klosterneuburg ein Schreiben zur „Umfahrung Klosterneuburg“
gerichtet, das aus sachlicher Sicht in dieser Form irreführend
ist. Der Satz „Umso intensiver und nachdrücklicher arbeiten
wir gemeinsam an Lösungen, die verkehrstechnisch sinnvoll und
ökologisch verträglich sind“ mag als Absichtserklärung
gelten, trifft jedoch auf das vorliegende Projekt der Straßenbauten
in Klosterneuburg mit Sicherheit nicht zu.
Das Projekt ist verkehrstechnisch nicht sinnvoll, sondern verkehrstechnisch - wie es selbst der Sachverständige im Amtsgutachten festgestellt hat - von zweifelhafter Sinnhaftigkeit.
Das Projekt ist verkehrsplanerisch in Anbetracht des sensiblen Raumes, in dem dieses Bauvorhaben stattfinden soll, fachlich in einer unverantwortlichen Art und Weise mangelhaft vorbereitet worden. Bereits bei der ersten Vorstellung dieses Projektes konnte nachgewiesen werden, dass die vom Land vorgelegten planerischen Unterlagen mangelhaft sind. Das Straßennetz in Klosterneuburg steht unter massivem Verkehrsdruck aus dem Tullnerfeld und damit in enger Wechselbeziehung mit einem weit größeren zusammenhängenden Straßennetz, das zumindest vom Riederberg bis zur A22 am linken Donauufer reicht, wie es die Untersuchungen des Institutes für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik nachgewiesen haben. Jeder Eingriff in dieses System ist daher nur unter diesem umfassenden Aspekt zu berücksichtigen. Dies wurde vom Amt der NÖ Landesregierung nicht durchgeführt. Das Projekt ist daher planerisch mangelhaft vorbereitet, obwohl bei den ersten Vorstellungen in Maria Gugging und Kierling darauf hingewiesen wurde.
Das bestehende Straßennetz in Klosterneuburg kann seit vielen Jahren aufgrund seiner Konfiguration einen Gleichgewichtszustand erhalten, der die Bevölkerung vor weiteren Verkehrsbelastungen, einer Verkehrslawine aus dem Tullnerfeld und mautflüchtenden LKWs durch den Wienerwald weitgehend schützt. Durch geringfügige Maßnahmen könnte dieser Zustand für die Bevölkerung hinsichtlich Umweltbelastung und Lebensqualität erheblich verbessert werden, wie es die baustellenbedingte Sperre der Buchberggasse vor zwei Jahren eindrücklich bewiesen hat.
Es liegen Aufzeichnungen und damit empirische Belege darüber vor, die beweisen, dass durch geringfügige Verkehrsorganisationsmaßnahmen eine wesentliche Entlastung im Raum Klosterneuburg möglich gewesen wäre eine Verlagerung des Verkehrs auf der Relation Tullnerfeld – Wien auf die Schiene und den öffentlichen Verkehr erfolgen könnte. Mit dem vorgesehenen und vergebenen Projekt zum überzogenen Straßenbau in Klosterneuburg wird dieser zukunftsorientierten Verkehrslösung der Boden entzogen.
Das Projekt ist auch auf Projektsebene in einer unqualifizierten Form verkehrstechnisch behandelt worden. Bei dem Straßenvorhaben handelt es sich nicht nur um einen Eingriff im Netz wie oben angeführt, sondern auch um einen Eingriff in einen Korridor, in dem der öffentliche Verkehr vertreten durch die Schiene und den Bus zu berücksichtigen gewesen wäre. Zum Zeitpunkt der Projektsentwicklung lagen bereits sämtliche Grundlagen zur fachlich qualifizierten Berücksichtigung einer Planung im Korridorbereich in Form der Überarbeitung der Richtlinien RVS 3.72 vor und hätten Berücksichtigung finden müssen. Dies ist nicht erfolgt.
Die Konsequenzen des Projektes für die Bevölkerung von Klosterneuburg sind keineswegs einer Entlastung um 25.000 Fahrzeuge, sondern eine wesentliche Vermehrung der Verkehrsbelastungen im maßgebenden Querschnitt, um über 60 % (allein aufgrund der Projektsunterlagen) – es werden aber mehr werden mit allen daraus resultierenden Konsequenzen für die Umwelt, Gesundheit und die Wirtschaft. Wer der Bevölkerung verspricht, dass durch eine Verlegung der Straße um weniger als 30 m, aber eine Vermehrung des Verkehrs um 60 % eine Verbesserung der Lebensqualität der Bürger/innen entsteht, ist entweder falsch informiert oder belügt die Bevölkerung bewusst.
Auf der ganzen Welt gibt es kaum eine zweite derart sensible und qualitativ hochwertige Beziehung zwischen Kultur und Natur wie zwischen dem Stift Klosterneuburg und der Kastanienallee, die die dahinter liegende Au erahnen lässt. Das vorgesehene Projekt zerstört dieses einmalige Ensemble in verantwortungsloser Weise und das zu einem Zeitpunkt, in dem die qualifizierte Fachwelt Straßenausbauten in dem ohnehin dichten europäischen Verkehrsnetz bereits als mehr als zweifelhaft erkannt hat. Dieser Straßenbau ist daher als ein barbarischer Akt gegen die österreichische Kultur zu bezeichnendes Vorhaben.
Das Projekt selbst zeigt von einer planerischen Schwerfälligkeit und Unausgewogenheit der Gestaltung und einer Kostenmaximierung in einem unbeschreiblichen Ausmaß. Allein mit den Zinsen dieses Projektes könnte man allen Klosterneuburger Haushalten für alle Zeiten Jahreskarten im öffentlichen Verkehr zur Verfügung stellen.
Statt einer Lösung der Verkehrssituation in Klosterneuburg wird mit diesem Projekt der Verkehrslawine aus dem Tullnerfeld Vorschub geleistet, transitflüchtige LKWs durch den Wienerwald in diesen sensiblen Bereich gelockt, die Bevölkerung von Klosterneuburg mit mehr Abgasen, Feinstaub und Lärm belastet als je zuvor.
Die hier angeführten Daten und Bedenken sind Ihren Beamten seit Jahren bekannt.
Entweder sind Sie, Herr Landeshauptmann, von Ihren Fachbeamten irreführend und falsch informiert worden oder es wurde dieses Projekt ohne Rücksicht auf die Konsequenzen und ohne entsprechend solide Prüfung politisch durchgepeitscht. Es widerspricht
dem Landesverkehrskonzept Niederösterreich,
den Raumordnungszielen des Landes Niederösterreich, dass das Tullnerfeld nach St. Pölten zu orientieren hätte,
es widerspricht den Auflagen des Umweltministeriums bezüglich der Feinstaubproblematik in diesem Raum und
es widerspricht dem Sinn der Alpenkonvention.
Ist die Situation in Klosterneuburg nicht identisch mit der Situation der Wachau in annähernd drei Jahrzehnten? Damals trat ich auf Ersuchen einiger Bürger der Wachau mit der Bitte an Sie heran, den von der Straßenbauabteilung des Landes wegen des wachsenden Verkehrsaufkommens begründeten Ausbau der Wachaustraße zu stoppen und nach alternativen Lösungen zu suchen. Es ist Ihnen, damals als einfacher Landesrat, und mir gelungen, die Wachau vor einer irreversiblen Schädigung durch einen überdimensionierten Straßenbau zu bewahren. Damals, in einer Zeit der stürmischen Motorisierung und des scheinbar unbegrenzt wachsenden Autoverkehrs hatten sie den Mut und den Weitblick, dieses Juwel unserer Heimat in seiner Einmaligkeit zu schützen und zu erhalten und es nicht dem linearen technokratischen Denken kurzsichtiger so genannter „Verkehrsexperten“ zu opfern. Heute, wo man allgemein erkannt hat, dass das Zeitalter des hemmungslosen Autoverkehrs der Vergangenheit angehört, ist es wesentlich leichter zu erkennen, dass die damalige Entscheidung für die Wachau die richtige war. Es liegt damit auch in Ihrer Hand, heute als Landeshauptmann, die Einmaligkeit des Erscheinungsbildes von Klosterneuburg zu erhalten und dieses Straßenbauvorhaben, das in seinen Auswirkungen noch schlimmer ist als der Ausbau der Wachaustraße, zu verhindern.
Dadurch, dass der Ausbau der Wachaustraße verhindert wurde, wurde das Tor für eine nachhaltige Zukunft dieser einmaligen Region erst geöffnet. Der Donauradwanderweg, der durch den Ausbau nicht möglich gewesen wäre, ist nur einer der vielen neuen Möglichkeiten, die sich daraus für den touristischen und wirtschaftlichen Aufschwung dieser Region entwickelt haben.
Ich ersuche Sie daher, als verantwortlicher Politiker des Landes dieses Projekt zu stoppen, um mittel- und langfristig schwere Schäden an der Gesundheit der Klosterneuburger Bevölkerung am Wienerwald, an den Alpen, an der österreichischen Kultur und den natürlichen Grundlagen unseres Lebens zu vermeiden. Stoppen Sie dieses Projekt und machen Sie die Tür auf für eine positive Zukunft für Klosterneuburg und Niederösterreich.
Mit
freundlichen Grüßen
Prof.
Hermann Knoflacher