Reaktion auf Pröll-Brief vom Forum Wissenschaft & Umwelt
Betr.: Umfahrung Klosterneuburg
Sehr geehrter Herr Landeshauptmann!
Es ist uns unverständlich, dass die Niederösterreichische Landesregierung weiterhin vehement am Bauprojekt einer Umfahrungsstraße in Klosterneuburg festhält, obwohl dieses Vorhaben nachweislich verkehrstechnisch nicht sinnvoll ist und sowohl die Gesundheit der Bevölkerung als auch den Naturraum maßgeblich beeinträchtigen wird.
Der weitere Ausbau des Straßenverkehrsnetzes widerspricht eklatant den Prinzipien einer nachhaltigen Entwicklung. Diesen als Lösung verkehrstechnischer Probleme zu betrachten, entspricht dem Verständnis des letzten Jahrtausends, aber nicht den Anforderungen an zukunfts-, sozial- und umweltverträgliche Konzepte der Gegenwart. Die Ära billigen Erdöls, in der es zum KFZ-Boom gekommen ist, wird schon bald zu Ende sein (siehe z.B. Club Niederösterreich 8/9/2004: Energieversorgung am Wendepunkt – bedrohtes Klima, Knappheiten bei Öl und Gas) und es ist eine vordringliche politische Aufgabe, die bevorstehenden Systembrüche, die sich daraus ergeben, abzumildern. Jeder Euro, in den weiteren Ausbau eines nicht zukunftsfähigen Verkehrssystems investiert, verschlimmert die Problematik und ist ein Beweis eklatanten Politikversagens. Es geht heute darum, die Abhängigkeit vom Erdöl (und Erdgas) dramatisch zu verringern, um die künftige notwendige Energieversorgung sichern zu können. Vor diesem Hintergrund ist es geradezu absurd, wenn notwendige Schutzmaßnahmen unseres Lebensraums zugunsten einer obsoleten Straßenbaupolitik unterlaufen werden.
Wieder einmal müssen wir außerdem mit Bedauern feststellen, dass internationale Abkommen zum Schutz der Natur und unseres Lebensraumes missachtet werden. Österreich hat die Alpenkonvention unterzeichnet, mit jener der Alpenraum vor weiterer Zerstörung durch Straßenprojekte geschützt werden sollte. Auch Klosterneuburg liegt in dieser sensiblen Region und unterliegt dieser Vereinbarung. Ebenso ist Österreich verpflichtet, EU-Naturschutzrichtlinien (FFH-Richtlinie, Vogelschutz-RL) zu beachten und besonders schützenswerte Lebensräume (Natura 2000-Gebiete) zu erhalten. Dazu zählen zweifellos die Donauauen, die deshalb auch in dieses Netzwerk aufgenommen wurden. Aber auch dies ist kein Hinderungsgrund für die NÖ-Landesregierung Teile der Klosterneuburger Au für ein zweifelhaftes Straßenprojekt zu opfern. Das Naherholungsgebiet und der Lebensraum für viele leider bereits selten gewordene Tier- und Pflanzenarten gehen somit unwiederbringlich verloren! 2006 wurde vom „Kuratorium Wald“ und dem Lebensministerium als „Jahr der Ulme“ ausgerufen. Den letzten Flatterulmen-Beständen in Klosterneuburg hilft das wenig. Sie werden der Umfahrungsstraße zum Opfer fallen.
Das Forum Wissenschaft & Umwelt vertritt deshalb folgende Position:
Die Donauauen erfordern absoluten Schutz gegenüber jedem Straßenbau.
Die Gesundheit der Bevölkerung ist wichtiger als ungehemmtes Autofahren.
Internationale Konventionen zum Schutz der Natur als Lebensgrundlage auch der Menschen sind gerade im so sensiblen Bereichen wie dem Wienerwald besonders strikt einzuhalten.
Wir unterstützen in diesem Sinne auch das Schreiben von Herrn Univ.Prof. Dr. Hermann Knoflacher, das mit Datum 18. Juli 2006 an Sie erging.
Wir fordern Sie, sehr geehrter Herr Landeshauptmann, auf, im Interesse einer zukunftsorientierten Raumordnung, im Interesse der Erhaltung des Lebensraumes Donauauen, im Interesse der Erhaltung des Wienerwaldes als Ökosystem und Naherholungsraum der Bevölkerung und mit der Verpflichtung, die bedrohliche Luftsituation der Bevölkerung von Klosterneuburg zu verbessern, statt sie unwiederbringlich noch weiter zu verschlechtern, vom Projekt einer Umfahrungsstraße in Klosterneuburg Abstand zu nehmen.
Mit freundlichen Grüßen
Univ.Doz. Dr. Peter Weish
Präsident Forum Wissenschaft & Umwelt