Fischottergeschichte
Im Kritzendorfer Dschungel
„Großvater, dürfen wir heute nacht wirklich mit dir in die Au gehen? Fragte Flips auf dem Wege in das Bad Kritzendorf. „ich habe den Förster um Erlaubnis gebeten und er hat ja gesagt“, antworte der Großvater.“Fein“, schrie Flips und hüpfte vor Freude, „zeigst du uns den Fischotter, von dem du uns schon so oft erzählt hast?“ „Ich möchte schon, aber ich weiß nicht, ob er sich uns zeigt. Er ist nämlich ein gar scheuer Geselle. Nicht jeder hat das Glück, ihn zu sehen. Jedenfalls heißt´s fein geduldig sein und stillsitzen, sonst pfeift er uns was.“ „Kann er denn pfeifen?“ fragte Flips. „Geh, Brüderlein, sei nicht so dumm. So hat´s der Großvater nicht gemeint“ „Freilich war´s im Spaß gesagt, doch ganz unrecht hat Flips nicht mit seiner Frage. Der Fischotter kann nämlich wirklich pfeifen. Es klingt ungefähr so: Pfffff...“ Der Großvater stieß zwischen den Zähnen einen Pfiff aus. Flips war enttäuscht. „Nicht mehr?“, sagte er, „da kann ich´s schon lauter. Horch einmal: Pffffffff....“, „Au, du Lauser, du verscheuchst ja schon jetzt alles Getier in der Umgebung.“
Inzwischen waren die drei bei Großvaters Badehütte im Strombad Kritzendorf angekommen. Sie gingen hinein und aßen, was ihnen die Mutter mitgegeben hatte: Maisschmarrn und frische rote Paradeiser. Dann marschierten sie los.
Ein schmales Wegerl führte sie zur Donau. Ein weißer Dampfer stampfte stromaufwärts. Die Buben winkten mit ihren Taschentüchern. Die Sonne war gerade im Untergehen. Sie zauberte rote Lichter auf das Wasser. Im Norden, gegen Greifenstein, sah man den Langstögerberg. Der Großvater nennt ihn scherzend immer „Langstögergletscher“.
„Pfui, sind die Gelsen aber lästig“, schreit Flips. „Wenn ich einmal ein Erfinder werde, erfinde ich zuallererst etwas gegen die Gelsen.“ „Schau, Großvater, der hupft wie ein Narrischer“ sagt sein Bruder. Auch ihm tun die Gelsenstiche weh, aber er hat sich vorgenommen, kein Wort darüber zu verlieren. Der Großvater jammert ja auch nicht, und er will doch schließlich nicht wehleidiger sein wie der alte Herr.
Nachdem sie ein gutes Stück gewandert waren, bog der Großvater in die Au ein. „Jetzt sind wir auf den Jägerpfad“, sagte er, „von nun ab ist lautes Sprechen verboten.“
Dichtes Gestrüpp, Brennesseln, Goldruten und Disteln hemmen die Schritte. „Jö, da sind ja dieselben gelben Blumen, wie in den Auslagen der Wiener Blumengeschäfte. Daß die wild wachsen und so hoch werden, hätte ich nicht gedacht.“ „Ja, die Goldruten werden bis zu zwei Meter lang. Sie sind kein heimisches Gewächs. Seefahrer haben sie von einer Insel im fernen Ozean zu uns gebracht. Trotzdem scheinen sie sich aber bei uns sehr wohl zu fühlen. Seht nur, wie viele es hier gibt. Alles leuchtet gelb. Man könnte meinen, die Sonne hätte ihre Strahlen in der Au vergessen.“
Eine Waldrebenranke sperrt den Weg. „Da ist´s wirklich wie im Dschungel“, sagt Fips. „Wenn ich mich da verstecke, findest du mich überhaupt nicht mehr.“ Sein Bruder lacht und sagt: „Gut, morgen früh machen wir die Probe. Wir spielen Verstecken, aber du schaust als erster ein, weil es deine Idee war.“ „Abgemacht“, sagt Flips.“
Die drei verlassen nun die Lichtung und kommen zu einer sandigen, mit Gras bewachsenen Böschung, die steil zu einem großen Wasserarm abfällt. „Dort unten hat der Fischotter seinen Bau“, sagte leise der Großvater. „Hier in diesem Erlenbusch wollen wir auf ihn warten.“
Sie setzen sich ins Gras. Es ist schon sehr dunkel geworden. Am Himmel blitzt da und dort ein Stern. Auf dem Wasser liegt ein leichter Nebel und in den Kronen der uralten Aubäume singt leise der Nachtwind. „Wie still es hier ist. Man möchte gar nicht glauben, dass sich ganz in der Nähe eine Großstadt befindet“ flüstert Flaus. „Ja, die Natur kann schweigen“, antwortet der Großvater. „still sein ist eine feine Kunst, die nur wenige Erwachsene, Kinder fast nie kennen. Still zu wandern oder gar schweigend zu rasten, das bringt oft Freuden, die plaudernde oder gar lärmende Wanderer nie haben. Mit dem Lärm verscheucht ihr all das scheue Getier, übertönt die feinen Laute der Natur. Wer aber schweigend rastet, kann gar wundersame Dinge erleben. Die Tiere nahen sich oft mit erstaunlicher Zutraulichkeit, und ihr könnt die schönsten, ja manchmal ganz unglaubliche Beobachtungen machen. Ich habe einmal etwas Sonderbares erlebt:
Zwei Schritte von mir entfernt, auf einem Stein, sitzt ein kleines grünes Eidechserl und sieht mich an, als wollte es fragen: Ja gehörst denn du auch daher?
Ei, ja, sage ich, ich bin ja auch im Wald aufgewachsen wie du. Mein Eidechserl war unruhig geworden und sah mich an, als könne es das nicht recht glauben. Auf einmal zuckt es zusammen und schlängelt sich schnell hinab ins hohe Waldgras.
So, jetzt hab´ich mit meinem dummen Geschwätz das liebe Tier vertrieben, denke ich, schweige, und suche es mit den Augen. Doch plötzlich, o welches Wunder, sitzt es dicht bei mir, und wie ich die Hand ausstrecke, das feine Köpfchen des Tieres leicht berühre und leise sage: Das ist aber lieb von dir, dass du zu mir kommst, da klettert es flink und ganz ohne Scheu in meine Hand und kuschelt sich hinein. Ganz ruhig bleibt es drinnen, so als täte ihm die Wärme wohl. Und ich halte still wie ein Baumstumpf, damit es sich nicht fürchten soll.“
Der Mond ist aufgegangen. Sein bleiches Licht gibt allen Dingen ein ganz anderes Aussehen als am Tage. Hoch oben in den Wipfeln der Pappeln singt leise der Nachtwind. Irgendwo fliegt mit Gekreisch ein Vogel auf, dann ist´s wieder still wie zuvor.
Plötzlich ist unten am Wasser ein leises Plätschern zu vernehmen. Drei Augenpaare starren hinunter. Da fährt blitzschnell ein Tier ins Wasser. Es ist der Fischotter. Er sieht aus wie ein Marder, hat einen langen Kopf, kleine Augen und einen sehr starken Schwanz. Ungefähr einen Meter ist der Fischotter lang. Erst schwimmt er anscheinend ziel- und planlos im Wasser herum, dann taucht er unter und kommt an einer entgegengesetzten Stelle wieder in die Höhe. Hernach stößt er eine Pfiff aus, taucht wieder und bringt einen Fisch an die Oberfläche. Aber er verzehrt ihn nicht gleich. Er beißt ihn tot und trägt ihn ans Ufer zu seinem Bau. Dann fängt er weiter. Endlich gibt er sich zufrieden und beginnt zu fressen.
Da knackt oben bei den Buben ein Zweig. Flips hat sich zu weit über die Böschung gebeugt und ist ein Stückerl abgerutscht. Der Fischotter stutzt, lässt seine Mahlzeit im Stich und verschwindet ebenso schnell, wie er gekommen war.
„Ade, für heute“, sagt der Großvater. „Der kommt nimmermehr.“
„Schade“, sagt Flips. „Schön war´s sagt sein Bruder. „und was tun wir morgen““ Viel schwimmen und spielen.“
Alle drei treten den Heimweg zur Hütte an.